Fetisch „Trauma“

„Trauma“ verkauft sich besser als „50 Shades of Grey“.

Doch was ist dahinter?

Die Phänomenologie der Erfahrung. No na.

Was steckt hinter einer brutalen Gewalttat?

Die Logik von brutalen Gewalttaten, nicht ein Gewalttäter.

Was steckt hinter dem triumphalen idiomatischen Eroberungszuges des Wortes „Trauma“?

Die Logik der menschlichen Erfahrung und ihr Zusammenhang, das heißt, dessen Logik, mit zeitlich weit späteren bewußten wie unbewußten Phänomen des Erlebens und Handelns.

Die traumatische Erfahrung verursacht syntone, strukturell analoge Erfahrungen nach vielen Lebensjahren und/oder chronische Erfahrungsanalogien in rudimentärer Äquivalenz.

So lautet die These, belegt wird sie mit entsprechenden Berichten von Menschen in der Rolle der wegen der Belastetheit durch ihre gegenwärtigen Erfahrungen einen Psychotherapeuten aufsuchenden Klienten, von denen sich viele ohne Umschweife auch gern Patienten (Erduldende) nennen lassen.

Jemand, der ein unzumutbar gefordert Sein vom Aufbringen des orts- und zeitüblichen Niveaus an Ertragen oder Bewältigen seiner unangenehmen Erfahrungen in der mehr oder weniger langen letzten Zeit postuliert und mit Bestätigung dringend rechnet, daher entsprechenden Druck auf den Therapeuten als Diagnostiker ausübt, daß der ja versteht, wie schlimm es ist und wie eigentlich menschenunwürdig man leidet und es allerhöchste Zeit ist, daß sich da mal ein Fachmann kompetent drum kümmert.

Lange Zeit erforderte das engagierte Überzeugungsarbeit, bis jemand auf die glorreiche Idee kam, eine Trumpfkarte zu designen, die man einfach im Verlauf der Konsultation irgendwann – rechtzeitig vor dem Ende ist anzuraten – zücken kann. Und voilà, das Spiel ist gewonnen, man wird ohne erheblichen Widerstand in die Liste der Versorgungsprivilegienklasse „besondere Rücksichtnahme“ eingetragen. Das ist Ehrensache für jeden soziale Gerechtigkeit fordernden Aktivisten ohne Grenzen.

Die Ehrengilde der SpezialistInnen für Rücksichtsname auf unsere traumatisierten MitbürgerInnen verleiht ihren Mitgliedern die Aura des edlen Samariters, der seine letzte Lücke im Stundenplan den Bedürftigsten der Bedürftigen opfert.

Traumatisierte Klientin der Traumaspezialistin, wenn möglich bindungstherapeutischer Ansatz, ist das Traumpaar des Helferboulevards. Inzwischen schon ein alltäglicher Anblick, aber früher! Da war Glanz und Glorie. Noch besser: eine ganze Station beschöftigen mit der eigenen Impulsivität und Dramatik.

Jetzt bitte ist jede traumatisiert, die Bravo lesen kann, die Brigitte oder die Billakundinnenzeitschrift. Cosmopolitan braucht dafür keine mehr! Oder gar Psychologie Heute!

Wer nicht traumatisiert ist – und selbstverständlich irgendwie sexuell, das ist man seinem seriösen Ruf schuldig – hat wohl nicht allzuviel vom richtigen Leben mitgekriegt, der ist in einem Puppenhaus aufgewachsen, also die, die ist wohl so ein zartes, sensibles Püppchen, aber sicher keine emanzipierte, gestandene, lebenserfahrene junge Frau, die weiß was sie will und worauf sie freiwillig verzichten kann.

Wie soll man sich als rundumverwöhnte und a-bis-z-verhätschelte kleine Diva noch profilieren und Verehrer finden, wenn man nicht auf eine tiefgründige und unvorhersagbare Seele verweisen kann?

Wie soll man hard-to-get spielen, wenn man die Pille nimmt und zusätzlich auf Präservativgebrauch besteht und mit dem Typen beim dritten Date im Bett liegt? Wie außer seelisch? Ihren Körper kriegt er ihretwegen nachgeworfen, aber ihre Seele, ihre Persönlichkeit? Die ist so hard to get, daß er sich noch wundern wird, wie tough eine Frau von heute sein kann, der Pappenheimer!

Ehrlich gesagt, Ecken und Kanten find‘ ich schon gut, auch bei einer Frau! Sogar besonders bei einer Frau, sonst gibt’s nur die unkomplizierten, die immer alles mitmachen, was einem einfällt und immer mit allem cool zurechtkommen, das ist ja nervtötend in seiner Voraussagbarkeit, sogar, daß und wie sie den Orgasmus selbstverständlich vorspielt, wenn sie einmal zu verkrampft ist oder zu abgelenkt, kann einer sich an den Fingern einer Hand abzählen.

Und sexuellen KIndesmißbrauch gibt’s eben tragischerweise wirklich, noch dazu in einer horrenden Häufigkeit, man braucht ja nur an die Dunkelziffern denken! Daß Mädchen besonders betroffen sind, ist leider auch nicht zu leugnen!

Das irreale an Erfahrungen ist, daß sie nie aufhören, solange sie einen interessieren

Lebenslang dauern manche. Auf eine gewisse Art und Intensität sogar die allermeisten.

Weil Erfahrungen Erinnerungen sind, die man von Zeit zu Zeit hervorholt, um zu prüfen, welchen neuen Gewinn an Einsicht in das Funktionieren des Lebens in der Welt man daraus schöpfen könnte.

Dabei werden die Erinnerungsdaten jedesmal neu erhoben, je nach den Hypothesen, was die für Beobachtungen brauchen, um sich widerlegen oder bestätigen zu lassen als vertretbare.

Es beruhigt nicht, bedenkt man, daß man derartige Rekapitulationsuntersuchungen fortlaufend unbewußt durchführt, in minimaler Rechenzeit für jede nicht gesichert aus automatisierter Gewohnheit bewältigbare Situation im Lauf des Tages oder im Lauf eines Gespräches, sogar im Lauf eines Selbstgesprächs.

Denken als Nachdenken über die richtige Antwort auf eine Frage, die man sich gestellt hat, besteht darin.

Die aktuellen Beobachtungsdaten werden in Beziehung gesetzt mit sämtlichen erhebbaren relevanten Beobachtungsdaten aus der Vergangenheit, die alle in der Zugänglichkeitsart einer bewußten Erinnerung im Wissenshintergrund darauf warten, sich mitzuteilen, wenn die Anfrage kommt.

Es geht so wie das bewußte Erinnern und Abwägen, nur unvergleichbar schneller und daher mit der Kapazität für unvergleichlich größere Datenmengen.

Für jede Aufgabe und für jedes Ziel, das man sich setzt, prüft man die Informationsquellen der lebenslangen Erfahrungen in der Erinnerung, was davon brauchbar ist für die Ausführung jetzt und in die nächste Zukunft hinein.

Die Auswahl der Erinnerungen, die Selektion der Beobachtungskriterien, die Verarbeitung der Daten zu relevanten Informationen für Handlungsentscheidungen – vom augenblicklichen Denken bis zum langfristig strategischen sozialen Inszenieren – die Beurteilungen und Urteile und Entscheidungen für die Umsetzung von Plänen und die Supervision bei der Ausführung, all dies wird jeweils ad hoc von Denkmoment zu Denkmoment entschieden.

Nicht eine Erfahrung in der Erinnerung hat aus Eigeninitiave Zugang ins Bewußtsein, auch nicht in sein für die eigene Wahrnehmung unbewußt gehaltenes Operieren.

Schon gar  nicht kann sie dort fuhrwerken, etwas verursachen, bewerkstelligen, auslösen oder erzwingen. Das bewußt sich als Akteur und Beobachter seines Erlebens wissende Ich ist zu jedem Zeitpunkt der Chef.

Was ist dann mit den quasi autonomen körperlichen Symptomen und den spontanen und regelmäßigen Alpträumen, mit den von sich aus aus dem Blauen einsetzenden Dissoziationszuständen, den kognitiven Blackouts usw. usf.? Alles Schimären?

Das einzig Autonome beim Ganzen sind die körperlichen Abreaktionen, die sich nach Zugelassenwerden drängen, und das emotionale und wahrnehmungsbezogene Äquivalent dazu.

Die repetitive Herandrängerei und das scheinbar autonome Durchbrechen sind schon bedingt durch die Entscheideungen des Ich, die natürlich zur Entwicklung drängenden, die ursprünglich abgebrochene oder sonst beschränkte intensive Erfahrung vervollständigenden und erledigenden Abreaktionen in ihren Intensitäten und Qualitäten zu manipulieren – anstatt unterstützender Rahmengeber zu sein.

Die Gewinne aus der Manipulation der die intensive, erschütternde Erfahrung psycho-logisch und psycho-logistisch zur Vollständigkeit und damit zur organischen Beendigung und zum Abbau ihrer Erschütterungspotenz zu bringen drohenden spontanen Verarbeitungsprozesse, kurz:

die psychologischen Vorteile aus der Verhinderung der natürlichen Enttraumatisierung, der absehbaren Auflösung des Traumas, erscheinen dem Ich attraktiv genug, um die Kosten des Leidvollen dafür in Kauf zu nehmen.

Es hilft, sich an diesem Denkpunkt an das vitale Grundordnungsprinzip der Finalität zu erinnern: das Vorherige bestimmt das Nachherige nicht anders, als einen Ausgangspunkt zu liefern, von dem aus die bestmöglichen Schritte in die bestmögliche Zukunft vernünftig entschieden werden.

Man darf hier nicht sich gehen lassen in Aufwallungen von Empörung über behauptbare zynische, brutale oder grausame blame-the-victim Attitüden, sondern sollte sich bei der Stange der Nüchternheit halten.

Das Leben hat kein Selbstmitleid und keine Selbstverdammung, keine Privilegienansprüche und keine Selbstgratulation, es tut unsentimental bis zum Exzeß heute stets bloß das bestmögliche für morgen.

Die nicht verdorbenen, nichtverwöhnten und nichtverhätschelten Kinder sind noch so, wir waren alle einmal im Grunde so. Verdorben hat uns erst die Idee, unsere Verantwortungslast als Erwachsene als Ausrede für narzißtische Ansprüche zu benutzen.

Als Kinder haben wir den Mitleidsappell als Taktik, etwas für uns an Vorteil herauszuschinden, ausprobiert, aber wir haben uns nicht mit diesem Spiel und seiner Opferrolle identifziert, Kinder sind nicht auf Fixierungen und Beschränkungen der Spielvarianten aus sondern darauf, alles Mögliche und Unmögliche auszuprobieren.

Vernünftige Erwachsene helfen ihnen dabei, indem sie sich auf blöde Spielereien nicht einlassen.

Man kann heute als Frau den elementaren instinktiven Boost an Befriedigung durch sich abhängig, beschützt und umhätschelt Fühlen ohne eine überzeugende, ganz individuelle Opferidentität zu präsentieren, nicht mehr erleben.

Der väterliche Impuls des Männlichen und der von ihm getragenen ethischen und politischen Normativität ist kaum mehr auf die instinktiv spontane Art zu aktivieren – ohne den Fetisch „Trauma“ jedenfalls.

So scheint es, wenn man sich zu gut ist, die weibliche Schwäche als Schwäche zuzugeben und nicht als andere Art von Stärke auszugeben.

Weil das aber frauenpflichtwidrig wäre, behilft frau sich mit dem Ersatz, der angeboten wird.

Besser mit Fetisch ausstaffiert den erotischen Akt vollziehen können, als auf den romantischen Zauber der Ausgeliefertheit ganz zu verzichten!

Genau das Gleiche gilt für den Mann und die öffentliche Gesellschaft. Der romantische Zauber der Väterlichkeit ist tief befriedigend.

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