Wofür soll man alt werden?

Abgesehen davon, daß man keine schockierendes und schlechtes Beispiel für die Jugend sein will durch einen Selbstmord aus Frust darüber, daß einem niemand eine in edles Leder, geprägt, Menükarte geschmackvoller und leicht verdaulicher Sinngerichte mit einigermaßen eleganter Dienstbeflissenheit vorlegt.

Und das, obwohl man vierzig Jahre brav seine Pflicht erfüllt hat, Fleißaufgaben inbegriffen!

Daran klettern die einen in die Depression, die anderen in die Verblödung, die dritten in eine fugendichte Kombination beider Evasionsstrategien. Wenn es hart auf hart gehen und ein unbeugsamer, aristokratischer Stolz demonstriert werden soll, sei’s d’rum, das Verstummen ist eine Inszenierung überwältigenderer Art als der fuchtelnde, spuckende, wimmernde und tobende Abgesang an die Gerechtfertigtkeit der Umgebung. Der immer den Geschmack der Würdelosigkeit und der Peinlichkeit hinterläßt.

Ökonomischer außerdem. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Fernseher, Hund und Enkerl kommen auch ohne meine Wichtigtuerei gut zurecht, der Hund kriegt ein neues Herrl, den Fernseher kriegt die Nichte ins Studentenheim, das Enkelkind ruft von sich aus an, wenn es ihm einfällt.

Herr, schenk‘ mir eine Erleuchtung!

Was soll der Herr jetzt antworten, er weiß nicht einmal, wie er mit dem Rufer in der Wüste des Nichtgebrauchtwerdens reden soll, daß der auch nur das Einfachste versteht, was er gesagt bekommen würde, wollte er die angefragte Erleuchtung ohne Wenn und Aber.

Schließt nicht der Umstand, daß er in der Pensionskrise zum ersten Mal um so etwas bittet, schon aus sich heraus aus, daß er seit dem 20. Lebensjahr klüger und weiser geworden ist, als es der Jugend zusteht, dem Alter aber einen sündhaften Mangel bescheinigt?

Macht nichts, alle Geschichten sagen das Gleiche, dem reuigen Sünder wird sogar noch beim vorletzten Atemzug vergeben, damit er nicht in die Hölle muß!

Ey, geil! Das muß ich mir merken, da ist noch jede Menge Zeit.

Idiomatisch, da pneumatisch, verjüngt steht dem Einsatz der frischen Kräfte fürs Gewissenerforschen nichts mehr im Wege. Mancher betitelt einen Autist!, argumentiert man, das ist die Lebenslinienlogik des mit Alterssinnlosigkeit Konfrontierten, fern jeder Irrationalität und Tendenziosität formuliert.

Gewisse Spielarten des Autismus sind eben funktionale des ökonomisch betriebenen Denkvorgangs, Methoden der Nüchternheit und Unaufdringlichkeit des Denkers der Logik der Phänomene gegenüber.

Von einem anderen Ende der leidigen, die Ökonomie wie die Geisteswirtschaft pervertierenden allgemeinen Affäre mit der Überflüssigkeitsidee der Alten und des Alters überhaupt angegangen:

Befragt man sich selbst, weiß man, man weiß heute mehr vom Leben und über das Menschsein als sogar mit 50, geschweige denn mit 20 oder 30, da liegen Welten dazwischen. Diese Welten sind Stufen, Schichten, Hüllen der Weisheit und jedermanns Erfahrung zeigt, sie bedürfen der Jahrzehnte, um durchdrungen zu werden.

Ergo, der Weisheitsgewinn zwischen 60 und 90 kann über den gewissen Daumen gepeilt dem zwischen 30 und 60 gleich hoch angesetzt werden.

Mit dem Blick auf die konkreten Lebensumstände dieser späteren 30 Jahre, der zeigt, daß man ein Vielfaches an Tages- und Nachtzeit und so viel Energie, wie nach der körperlichen Selbstversorgung ünbrigblebt, in das Projekt der Rekapitulation seiner Erfahrungen investieren kann und das mit dem unverbrüchlichen beruhigenden Wissen und beruhigten Gewissen, es wird den Aufwand lohnen?

Eine gemähte Wiese, wie der hochdeutsch sprechende Wiener sagt, der auf gepflegte Schloßparkrasenflächen Wert legt. Ein Lapperl! Mit Links macht man das, da kann man nebenbei noch sporteln und reisen. Und Biographie schreiben ergibt sich fast zwangsläufig.

Und man macht weder etwas Künstliches zu seinem Lebensmittelpunkt noch etwas Esoterisches, weiß man doch, daß bis vor zivilisatorisch 5 Minuten die Alten die am meisten geachteten in der Sippe und im Stamm waren und automatisch als die Hüter und Quellen der Weisheit für alle übrigen in allem Wichtigen um ihren Rat gebeten wurden.

Daß die Alten heute hier bei uns verweisen und verblöden statt im Zentrum der Kultur der Weisheit zu stehen, ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, keiner ist schon mit einem Fuß im Kriminal oder in der Psychiatrie, wenn er sich lieber an der anthropologischen Konstanz der Spezies orientiert als an der zeitgeistigen Fluktuation in die lappalische Desorientierung.

einpsy_tel-text_contr_295x45

Weiterempfehlen, wenn's empfehlenswert erscheint!